Minimalistisch leben, weniger Hausarbeit: Warum weniger Besitz dir Zeit schenkt
Sonntagmorgen, eigentlich freier Tag. Aber da steht die Kommode im Flur, auf der sich Briefe, Schlüssel, drei Sonnenbrillen und ein halbes Apothekensortiment stapeln. Im Wohnzimmer warten zwei Regale voller Bücher auf Abstauben, die Deko-Sammlung auf dem Fensterbrett sieht aus wie ein kleiner Flohmarkt, und in der Küche blockieren Geräte die Arbeitsfläche, die du zweimal im Jahr benutzt. Du wischst um alles herum, räumst um, schiebst hin und her. Und fragst dich irgendwann: Warum dauert Aufräumen eigentlich so verdammt lang?
Das unsichtbare Problem mit den Dingen
Die Antwort ist so einfach, dass sie fast wehtut: Du hast zu viel Zeug. Nicht unbedingt, weil du maßlos konsumierst, sondern weil sich Besitz über Jahre ansammelt – schleichend, unauffällig. Geschenke, die du nicht ablehnen wolltest. Küchenhelfer, die im Angebot waren. Klamotten, die "vielleicht nochmal" passen. Deko aus einer Phase, die vorbei ist.
Das Problem ist nicht der einzelne Gegenstand. Das Problem ist die Summe. Jedes Ding, das du besitzt, bringt unsichtbare Arbeit mit: Es will abgestaubt, sortiert, gelagert, gesucht, umgeräumt und irgendwann repariert oder entsorgt werden. Niemand denkt beim Kauf einer hübschen Vase daran, dass er sie die nächsten zehn Jahre alle zwei Wochen abstauben wird. Aber genau so funktioniert Besitz – er erzeugt stille Verpflichtungen.
Warum jedes Ding dich Zeit kostet
Halt, das klingt jetzt nach dem typischen Minimalismus-Vortrag mit leeren weißen Räumen und drei Gegenständen auf dem Boden, oder? Nein. Es geht nicht darum, in einer sterilen Wohnung zu leben, die aussieht wie ein Ausstellungsraum. Es geht um eine ganz nüchterne Rechnung.
Nimm eine durchschnittliche Wohnung mit, sagen wir, ein paar hundert Gegenständen auf offenen Flächen. Jeder davon wird beim Putzen zum Hindernis. Du musst ihn hochheben, darunter wischen, zurückstellen. Oder du musst den Schrank öffnen, in dem dreißig Dinge durcheinander liegen, um das eine zu finden, das du brauchst. Oder du sortierst den Keller zum dritten Mal in diesem Jahr, weil du Platz für neue Sachen brauchst, die du eigentlich nicht hast, weil der Platz ja voll ist.
Weniger Besitz bedeutet nicht Verzicht, sondern weniger von dieser unsichtbaren Arbeit. Weniger Oberflächen vollgestellt, schneller geputzt. Weniger in den Schränken, schneller gefunden. Weniger im Keller, nie wieder Keller-Sortier-Wochenende.
Der pragmatische Weg: Nicht alles auf einmal
Wer jetzt denkt, er müsse an einem Wochenende die halbe Wohnung entrümpeln, liegt falsch. Das führt meistens nur zu Frust, Streit mit Mitbewohnern und drei halbvollen Müllsäcken, die wochenlang im Flur stehen.
Besser funktioniert der Weg der kleinen Schritte:
Eine Oberfläche pro Woche. Nicht die ganze Küche, sondern nur die Arbeitsplatte. Nicht das ganze Bad, sondern nur das Regal über dem Waschbecken. Was dort steht und seit Wochen nicht benutzt wurde, darf weg – oder zumindest in einen Schrank. Freie Oberflächen lassen sich in Sekunden statt Minuten wischen.
Die Karton-Methode für Unsicheres. Alles, bei dem du denkst "Brauche ich vielleicht noch", kommt in einen Karton mit Datum. Wenn du nach drei Monaten nichts daraus geholt hast, weißt du Bescheid. Kein Raten, kein schlechtes Gewissen – die Zeit entscheidet für dich.
Eins rein, eins raus. Klingt simpel, ist es auch. Neue Jeans? Eine alte geht. Neues Buch? Eins weitergeben. Das verhindert, dass der Bestand still und leise wieder wächst, während du dich wunderst, warum schon wieder alles voll ist.
Putzmittel ausmisten. Tja, ausgerechnet die Sachen, die beim Putzen helfen sollen, sind oft selbst Teil des Problems. Drei verschiedene Badreiniger, fünf angebrochene Schwamm-Packungen, Spezialreiniger für Oberflächen, die du gar nicht hast. Ein Allzweckreiniger, ein Badreiniger, Spülmittel – für die meisten Haushalte reicht das völlig.
Was Minimalismus nicht löst – ein ehrliches Wort
Hier muss man fair sein: Minimalismus ist ein Privileg. Wer wenig Geld hat, hortet oft aus gutem Grund – weil Nachkaufen teuer ist und man nicht weiß, ob man es sich leisten kann, wenn man es doch braucht. Wer mit Kindern lebt, hat zwangsläufig mehr Zeug als ein Single. Und wer mit Menschen zusammenwohnt, die am Besitz hängen, kann nicht einfach deren Sachen entsorgen.
Außerdem: Weniger Besitz löst nicht alles. Geschirr muss trotzdem gespült, Wäsche trotzdem gewaschen, Böden trotzdem gewischt werden. Minimalismus reduziert einen bestimmten Teil der Hausarbeit – das Drumherum, das Sortieren, das Im-Weg-Stehen. Aber er ersetzt keinen funktionierenden Putzplan und keine faire Aufgabenverteilung im Haushalt.
Der Punkt ist ein anderer: Wenn die Grundarbeit weniger nervt, weil sie schneller geht, bleibt mehr Energie für alles andere. Das ist kein Wunder, das ist eben Pragmatismus.
Wo der echte Unterschied spürbar wird
Menschen, die ihre Wohnung auf weniger Besitz umgestellt haben, berichten fast immer von denselben Dingen: Aufräumen vor Besuch dauert Minuten statt Stunden. Putzen fühlt sich machbar an statt wie ein Tagestrip. Und – das ist vielleicht das Überraschendste – die mentale Belastung sinkt. Weniger visuelle Unordnung bedeutet weniger innere Unruhe. Du kommst nach Hause und die Wohnung fühlt sich ruhig an, nicht wie eine To-do-Liste.
Das heißt nicht, dass deine Wohnung leer sein muss. Es heißt, dass jedes Ding, das bleibt, seinen Platz verdient hat. Nicht weil Marie Kondo es so will, sondern weil du es tatsächlich benutzt oder es dir ehrlich etwas bedeutet. Alles andere ist im besten Fall Dekoration und im schlechtesten Fall Arbeit, die du nie bestellt hast.
Weniger ist nicht perfekt, aber oft genug
Minimalistisch zu leben und weniger Hausarbeit zu haben – das ist keine Zauberformel und kein Lifestyle-Trend, dem man folgen muss. Es ist eine einfache Erkenntnis, die jeder für sich anpassen kann: Was du nicht besitzt, musst du nicht pflegen. Und was du nicht pflegen musst, gibt dir Zeit zurück. Nicht unendlich viel, aber genug, um den Sonntagmorgen tatsächlich frei zu haben.
Fang nicht mit dem Keller an. Fang mit der einen Oberfläche an, die dich am meisten nervt. Der Rest ergibt sich – oder eben nicht. Auch das ist okay.
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DutyDazzle Team
Das DutyDazzle Team besteht aus Experten für Motivation, Produktivität und Partnerschaftspsychologie.
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