Prokrastination ist kein Faulheit-Problem: Was wirklich dahintersteckt

DutyDazzle Team
10. Februar 20264 Min. Lesezeit0 Aufrufe

Du weißt genau, was du tun müsstest

Die Steuererklärung liegt seit Wochen da. Der Zahnarzttermin ist überfällig. Die Bewerbung müsste heute noch raus. Du weißt das alles. Und trotzdem sitzt du hier, liest diesen Artikel, und die Steuererklärung wartet weiter.

Das ist nicht Faulheit. Faule Menschen wollen nichts tun. Du willst – du kannst nur gerade nicht. Und dieser Unterschied ist wichtiger als du denkst.

Prokrastination ist Emotionsregulation

Die Forschung der letzten Jahre hat das Bild von Prokrastination komplett verändert. Es geht nicht um Zeitmanagement. Es geht nicht um Disziplin. Es geht um Gefühle.

Wenn du eine Aufgabe aufschiebst, dann meistens, weil sie ein unangenehmes Gefühl auslöst: Angst (vor dem Ergebnis), Überforderung (wo fange ich an?), Langeweile (das ist so öde) oder Unsicherheit (kann ich das überhaupt?). Dein Gehirn tut dann, was es am besten kann: Es sucht nach etwas, das sich besser anfühlt. Doom Scrolling zum Beispiel. Oder die Küche putzen, obwohl das gar nicht dran war.

Das Perfide: Aufschieben fühlt sich kurzfristig besser an. Aber langfristig macht es alles schlimmer – weil jetzt noch Schuldgefühle dazukommen. Ein Teufelskreis.

Warum "Einfach anfangen" nicht reicht

Der meistgehörte Ratschlag: "Fang einfach an, dann läuft es." Klingt logisch. Funktioniert bei manchen Aufgaben auch – die 2-Minuten-Regel nutzt genau dieses Prinzip. Aber bei den richtig großen Brocken, den Aufgaben die emotional aufgeladen sind, reicht "einfach anfangen" nicht. Weil das Problem nicht das Anfangen ist, sondern das Gefühl, das dem Anfangen vorausgeht.

Wenn du vor der Steuererklärung sitzt und Angst hast, Fehler zu machen – dann hilft "fang einfach an" ungefähr so viel wie "sei halt nicht traurig" bei einer Depression.

Was tatsächlich hilft

Das Gefühl benennen. Klingt esoterisch, ist es nicht. Wenn du merkst, dass du aufschiebst, halte kurz inne und frag dich: Was genau fühle ich gerade? Überforderung? Angst? Langeweile? Allein das Benennen nimmt dem Gefühl oft die Spitze. Psychologen nennen das "Affect Labeling" – und es funktioniert messbar.

Die Aufgabe zerlegen. Nicht "Steuererklärung machen", sondern "Belege sortieren". Nicht "Bewerbung schreiben", sondern "drei Stichpunkte zum Anschreiben notieren". Je kleiner die Einheit, desto weniger Überforderung. Das ist im Prinzip die gleiche Logik wie beim Habit Stacking: Kleine Schritte, die sich aneinanderfügen.

Die Umgebung anpassen. Wenn du weißt, dass du beim Arbeiten am Laptop nach zehn Minuten bei Instagram landest, leg das Handy in einen anderen Raum. Nicht weil du schwach bist, sondern weil dein Gehirn den einfachsten Weg zur Belohnung nimmt – und du den Weg halt länger machen musst. Manche Leute nutzen auch Body Doubling: Einfach jemanden im Raum haben, der auch arbeitet.

Selbstmitgefühl statt Selbstvorwürfe. Das klingt nach Kalenderspruch, aber die Forschung ist hier eindeutig: Menschen, die sich für Prokrastination selbst fertig machen, prokrastinieren mehr, nicht weniger. Schuld ist kein Motivator – sie ist das Gegenteil. Wenn du einen Tag vertrödelt hast, ist der nützlichste Satz nicht "Reiß dich zusammen", sondern "Okay, war so. Morgen neu."

Die Sache mit dem Perfektionismus

Oft steckt hinter Prokrastination ein versteckter Perfektionismus. Nicht die "mein Schreibtisch muss ordentlich sein"-Variante, sondern die "wenn ich es nicht perfekt mache, mache ich es lieber gar nicht"-Variante. Die Angst vor einem mittelmäßigen Ergebnis ist so groß, dass Nicht-Anfangen sich sicherer anfühlt.

Der Ausweg: Erlaube dir, schlecht anzufangen. Die erste Version darf mies sein. Der erste Entwurf darf peinlich sein. "Done is better than perfect" klingt abgedroschen – stimmt aber halt.

Wann es mehr ist als Prokrastination

Kurzer, wichtiger Einschub: Wenn du chronisch und bei fast allem prokrastinierst, wenn das Aufschieben deinen Alltag massiv beeinträchtigt, wenn du dich dauerhaft erschöpft und antriebslos fühlst – dann ist das möglicherweise mehr als eine schlechte Angewohnheit. ADHS, Depressionen und Angststörungen können alle dazu führen, dass Anfangen sich unmöglich anfühlt. In dem Fall: Professionelle Hilfe suchen, nicht noch einen Produktivitätsratgeber lesen.

Es geht nicht darum, nie aufzuschieben

Jeder prokrastiniert. Manchmal ist Aufschieben sogar sinnvoll – wenn du merkst, dass du gerade nicht die Kapazität hast, ist es klüger, morgen mit klarem Kopf dranzugehen als heute mit Gewalt ein schlechtes Ergebnis zu produzieren.

Das Ziel ist nicht Null Prokrastination. Das Ziel ist, zu verstehen, warum du aufschiebst – und dann zu entscheiden, ob du trotzdem anfängst oder ob du dir bewusst eine Pause gönnst. Der Unterschied liegt im Bewusstsein.

Tja. Und jetzt die Steuererklärung.


Aufgaben sichtbar machen und in kleine Schritte zerlegen – Duty Dazzle hilft, den Anfang leichter zu machen. dutydazzle.de

DutyDazzle Team

Das DutyDazzle Team besteht aus Experten für Motivation, Produktivität und Partnerschaftspsychologie.

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